Foto: Christian Becker.
Zehn erheblich ausbaufähige Minuten sind für die MHP RIESEN beim Auswärtsspiel in Vechta prägend. Die 102:121-Niederlage ist die Folge einer Kombination aus defensiven Mängeln, Unkonzentriertheiten im Ballvortrag und einer immensen Effektivität der niedersächsischen Hausherren. Das Comeback von Keeshawn Kellman sorgt dabei für Freude, wird aber von den 39 zugelassenen Zählern im dritten Viertel überschattet.
Ein zwischenzeitlicher und sehr verdienter 12-Punkte-Vorsprung, die Rückkehr von Keeshawn Kellman, der in 17:52 Minuten seine Qualitäten unter Beweis stellt und Stef Smith, der eine 38-Punkte-Gala aufs Parkett zaubert. Zweifelsohne drei gute Elemente eines Spiels, an dessen Ende im Anschluss verdientermaßen ausschließlich die Hausherren strahlten. In rasanten 40 Minuten spiel(t)e sich Vechta gegen die MHP RIESEN in einen Rausch. Dass dies erst im zweiten Anlauf passierte, ist für die Ludwigsburger ein gleichermaßen gutes wie frustrierendes Fazit. Denn die Schwaben waren nach einer etwas chaotischeren Anfangsphase in den beiden ersten Vierteln spielbestimmend. Mit einer guten Balance aus defensiver Struktur und Physis, Fastbreaks und konsequenter Entscheidungsfindung in der Offensive nahmen die Gäste ab der dritten Spielminute Rhythmus auf. Innerhalb der ersten Minuten wussten sie zu überzeugen und waren zurecht selbstbewusst. Tibor Pleiß und Alonzo Verge Jr. erfreuten sich zwar einiger Freiheiten, das RIESEN-Teamplay war in dieser jedoch überlegen (23:29, 10. Spielminute).
Das Glück des Buzzerbeaters von Verge Jr., dessen Beispiel auch Tommy Kuhse zum Ende des zweiten und TJ Bamba zum Ende des dritten Viertels folgen sollten, hielt die Hausherren ebenso wie eine geschlossene Mannschaftsleistung in der Partie. Dennoch war es keiner dieser drei US-Amerikaner und auch kein Vechater, sondern Stef Smith, der im zweiten Viertel übernahm. Der Kanada-Jamaikaner war zunächst mehrfach omnipräsent beim Offensivrebound, dann an der 6,75-Meter-Linie zu finden. Er erarbeitete sich Würfe aus allen Lagen und traf diese auch hochprozentig (63 FG%). Doch obwohl die Barockstädter ganzheitlich gut waren, waren es mehr und mehr die Hausherren, die dominierten. Das Absetzen der Ludwigsburger Gäste beantworteten sie mit einem Scoring-Lauf durch ihre drei dominantesten Akteure: Pleiß, Verge Jr. und Kuhse, der mit Beginn der Halbzeitpause seinem Ex-Klub die Führung entriss (51:50, 20.).
Foto: Christian Becker.
Aus der Kabine kommend gab’s rund 80 Kilometer südlich der Nordseeküste einen schwäbischen Dammbruch: Angeführt von ihren Centern Pleiß und Lars Thiemann, die sich in der Zone über viele Freiheiten freuten, versenkten die Vechtaer einen Wurf nach dem anderen. Aus der Distanz. Aus der Nähe. Aus allen Lagen. Einerseits könnten an dieser Stelle auch Tevin Brown, Philipp Herkenhoff, Malik Parsons und Lloyd Pandi erwähnt werden, andererseits ist die Namensnennung unerheblich: Vechta war ganzheitlich und mit allen aufgebotenen Akteuren überlegen. Ludwigsburg war ganzheitlich und mit allen Akteuren kopf-, konzentrations- und hilflos. Nach zwei Auszeiten und viel Frustration stoppten die MHP RIESEN zum Viertelende ihr defensives Ausbluten, da war die Vorentscheidung aber bereits gefallen und der RASTA-Express im Partymodus. Folgerichtig versuchten sich die Gäste nur noch an Ergebniskosmetik, die auf äußerst niedrigem Niveau gelang, trotz ganzheitlichem Aufbäumen letztlich aber keinen Unterschied mehr machte.
Der dritte Auswärtshunderter der Saison (102 @ Vechta, 101 @ Frankfurt, 100 @ Bamberg) und zwei gewonnen Viertel werden durch das indiskutable dritte Viertel überschattet, das die elfte Saisonniederlage – und eine 12:11-Bilanz – zur Folge hat. Ludwigsburg verpasst es, in der Fremde nachzulegen, verbleibt vor dem nächsten Verfolgerduell gegen Frankfurt aber Neunter der easyCredit Basketball Bundesliga.
Für Vechta spielten: Alonzo Verge Jr. 24 Punkte / 14 Assists, Tibor Pleiß 20, TJ Bamba 16, Malik Parsons 12, Tommy Kuhse 12 / 6, Philipp Herkenhoff 12, Lloyd Pandi 10, Tevin Brown 8, Lars Thiemann 7 / 5 Rebounds, Luc van Slooten und Linus Trettin.
Für Ludwigsburg spielten: Stef Smith 38 Punkte / 6 Rebounds, Elijah Hughes 17 / 8, Tray Buchanan 10, Brandon Tischler 10, Julis Baumer 6, Babacar Sane 5, Lenny Anigbata 5, Simon Feneberg 5, Keeshawn Kellman 4, Maxwell Dongmo Temoka und Gavin Schilling.
Mikko Riipinen | Headcoach MHP RIESEN Ludwigsburg | "Gratulation an RASTA zum Sieg! Die Zuschauer haben Vechta heute sehr geholfen. 121 Gegenpunkte sind definitiv zu viele. Es lag bei uns an einer Kombination aus Ballverlusten, die Vechta ins Laufen gebracht und ihnen offene Würfe gegeben haben. Daraus haben sie Energie gezogen. Und in der Eins-gegen-Eins-Defense hätten wir besser sein müssen, zum Beispiel in Close-Out-Situationen. Vechta ist ein gutes Team mit vielen guten Spielern. Sie haben jetzt das dritte Spiel in Folge gewonnen, sie machen viele Punkte. Wir wussten, dass sie schwer zu verteidigen sind, hatten aber keinen Erfolg. Daraus müssen wir jetzt unsere Lehren ziehen und schauen, was wir besser machen können. Bei der Analyse des Spiels müssen wir ausgewogen urteilen. Einige Sachen, die wir heute machen wollten, haben richtig gut funktioniert. Und man darf nicht vergessen, dass wir vier Spieler aus unserem Farmteam dabei hatten. Sie machen einen hervorragenden Job, sammeln sehr viel Erfahrung. Ich bin sehr stolz auf sie und auf die Mannschaft, weil sie die Jungs so unterstützt und mitnimmt, für sie da ist. Also, es gibt nicht nur Negatives heute, sondern auch Positives. Wenn man ehrlich ist, ist nicht immer alles nur Mist oder alles nur gut. Es geht um die Ausgewogenheit in der Beurteilung." |
Christian Held | Headcoach RASTA Vechta | "Ich denke, dass es für unsere Fans ein sehr schönes Spiel war. Die Stimmung war heute wieder überragend. Wir haben offensiv in der ersten Halbzeit einen guten Job gemacht und im dritten Viertel dann einen überragenden. Vor allem haben wir mit einer unglaublichen Disziplin gespielt, wir haben ganz konsequent attackiert und sind die ganze Zeit dabeigeblieben. So konnten wir Ludwigsburg immer vor Probleme stellen. Das hat mir hervorragend gefallen. Und dann muss ich sagen, dass ich tatsächlich noch nicht erlebt habe, dass eine Mannschaft in der regulären Spielzeit 121 Punkte macht. Im dritten Viertel haben wir auch defensiv einen guten Job gemacht, im vierten Viertel auch bis einige Minuten vor dem Ende. Als wir dann mit 26 Punkten geführt haben, war es schwierig, den Fokus hochzuhalten. Da muss man dann aber auch sagen, dass sich die Mannschaft dann auch verdient hat, ein bisschen Spaß zu haben. Wir erarbeiten uns gerade so ein bisschen Selbstvertrauen, was mir sehr gut gefällt. Da müssen wir jetzt weitermachen, denn nächsten Samstag kommt Chemnitz. Und das nächste Spiel ist schon genau jetzt das Wichtigste für uns." |