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„Das war eine echte Lebenserfahrung“

Category News, Jugend, Verein Date 2020-08-31

Hinter Eigengewächs Quirin Emanga Noupoue liegt ein ereignisreiches Jahr: Der 19-Jährige zog im vergangenen Sommer in die Vereinigten Staaten, studierte am College, spielte Basketball in der NCAA, kehrte aufgrund der Corona-Pandemie vorzeitig nach Europa zurück – und nutze das Mehr an Zeit unter anderem für ein Praktikum bei Ebner Stolz. Im Interview blickt „Kiwi“ auf das Erlebte zurück und auf die kommenden Monate voraus.

Quirin Emanga Noupoue auf der Dachterrasse der Stuttgarter Zentrale von Ebner Stolz. Seine Zeit beim Hauptförderer der Jugendteams der Porsche Basketball-Akademie habe ihm geholfen ein „Bigger Picture“ von der Arbeitswelt zu bekommen, betont der BBA-Alumni im Interview.

Lass‘ uns ganz an den Anfang dieser unplanbaren Situation zurückkehren – und auf den März schauen. Wie ging es Dir in Boston? Und wieso bist Du deutlich früher als erwartet zurückgekommen?

In Boston ging es mir gut! Es war sicherlich kein optimales Jahr, aber insgesamt habe ich mich als Mensch und auch als Basketballspieler gut entwickeln können. Als das Virus immer krasser wurde, war es sehr plötzlich hektisch für uns. Innerhalb von zwei Wochen wurde es von einer nicht wahrscheinlichen Eventualität, dass wir gegebenenfalls früher nach Hause reisen müssen, zu einer Tatsache, dass wir binnen drei Tagen den Campus räumen müssen. Da musste ich eine spontane Lagerung für meine Sachen finden, die ich dann relativ stressig in Boxen packen und einlagern musste. Es war überraschend und herausfordernd, hat an sich aber ganz gut funktioniert. Insgesamt hat mir mein Team auch dabei sehr viel geholfen. Das war super!

Du bist dadurch deutlich früher als geplant zurückkehrt, hast dann aus dem deutschen Home Office bei Deiner Familie weiter studiert. Wie war der akademische Teil des letzten Semesters?

Als ich nach Deutschland gekommen bin, war ich sogar noch im Frühjahrssemester und musste innerhalb von drei Wochen noch das Semester von Zuhause beenden. Das war ehrlicherweise komisch, vor allem, wenn man den meisten Teil des Semesters vor Ort war – und nicht nur mit den Dozenten und den Kommilitonen interagiert hat, sondern sie auch in Persona gesehen hat. Das war komisch, insgesamt aber in Ordnung. Zu diesem Zeitpunkt ging ich davon aus, dass ich im Juli wieder in die USA fliegen kann und die Normalität zurückkehrt. Dies war nicht der Fall, weshalb Ende Juni dann offiziell das Sommersemester angefangen hat – was viel Organisation erforderte. Die Vorlesungen, das Arbeiten und das Leben mussten irgendwie in Einklang gebracht werden. Das war auch aufgrund der Zeitverschiebung ein besonderes, ein anderes Erlebnis als normalerweise auf dem Campus. Da der Campus aber sehr international ist und die Bedingungen während der Pandemie weltweit natürlich nicht ideal sind, wurden die Live-Vorlesungen limitiert, viele meiner Kurse wurden sehr projektbasiert via Zoom durchgeführt. Die zeitliche Hürde an sich war aber nicht besonders krass.

Sportlich hast Du dann auch hier das Training wieder aufgenommen, mit zahlreichen Weggefährten oder zumindest bekannten Gesichtern vom U14- bis U19-Team trainiert. Anders als im letzten Jahr warst Du nun nicht mehr ein gleichwertiger Spieler, sondern jemand, der für sportliche Leistungen ein College-Stipendium erhalten hat. Wie wurdest Du empfangen?

Es war sehr interessant! Das erste Mal wieder in die Rundsporthalle zu kommen, hat viele Emotionen in mir hervorgerufen. Das war ein starkes Gefühl, weil ich über einen langen Zeitraum nicht mehr dort gewesen war, gleichzeitig aber so viele Jahre dort trainiert, gespielt, gewonnen und verloren habe. Das waren viele Emotionen, positiv wie negativ. Das war und ist für mich einfach ein besonderer Ort – und ein großartiges Gefühl. Die anderen Jungs wieder zu sehen, mit und gegen sie zu spielen als dies wieder erlaubt war, hat großen Spaß gemacht. Ebenso sehr hat es mich gefreut, dass wir gemeinsam trainiert haben, ich von meinem Jahr erzählen und dahingehend viele Fragen beantworten konnte, um dadurch vielleicht den Einen oder Anderen zu inspirieren.

Wie fühlt es sich an, wenn Du beispielsweise für einen 14-Jährigen nicht nur sportlich, sondern auch generell ein Vorbild bist? 

Es ist ein tolles Gefühl, ganz ehrlich. Ich bin sehr gerne Vorbild. Vor allem im letzten Jahr habe ich das gemerkt – und darauf lege ich durchaus wert. Ich gebe Jüngeren gerne einen Rat, nicht nur basketballerisch, sondern auch ganz generell. Natürlich bin ich auch noch jung, aber in manchen Dingen kann ich, so meine Meinung, den Jungs helfen.

Ein expliziter Teil der Rolle als eigenes Vorbild ist auch Deine berufliche Weiterentwicklung. Wie kam es zur Entscheidung für das Praktikum bei Ebner Stolz? 

Ich wollte auf jeden Fall meine Zeit nutzen und arbeiten, weil mir in der Semesterpause einfach super langweilig war. Dort gab es viel Leerlauf und ich wollte diesen entsprechend nutzen. Mit Timo [Probst, Nachwuchskoordinator der Porsche Basketball-Akademie] habe ich in dieser Phase ein wenig gesprochen, um dann auch mit seiner Unterstützung in der vielleicht schwierigsten Zeit des Jahres einen sinnvollen Platz zu finden. Über die Partnerschaft mit Ebner Stolz und Frank Strohm ergab sich dann hier in Stuttgart diese großartige Gelegenheit. Flexible Arbeitszeiten haben eine gute Koordination und Organisation ermöglicht: ich konnte gleichzeitig arbeiten, studieren und trainieren.

Ebner Stolz dürfte Dir, unter anderem aufgrund der langjährigen Partnerschaft, schon eine Weile ein Begriff sein. Kannst Du Dich erinnern, seit wann es für Dich einen persönlichen Bezug gibt?

Auf jeden Fall schon eine ganze Weile! Über die Porsche BBA waren wir seit Jahren schon verbunden und auch schon mehrfach hier zu Gast. Mein Praktikum bei Ebner Stolz war jetzt ganz allgemein meine erste Arbeitserfahrung. Die Zeit hier war sehr interessant und eine großartige Erfahrung. Ich habe tolle Menschen kennengelernt und von der Arbeitswelt ein „Bigger Picture“ erhalten. Es hat mir vor Augen geführt wie es ist, Tag für Tag ins Büro zu gehen, viele Stunden am Schreibtisch zu sitzen und für sein Geld zu arbeiten. Das hatte ich bisher noch nicht und war eine echte Lebenserfahrung.

Und diese Erfahrung fühlt sich gut an? Oder möchtest Du lieber noch ein bisschen das Studium voranbringen?

Ich freue mich natürlich, dass ich jetzt wieder nach Boston reisen kann. Aber ich bin auch dankbar dafür, dass ich das hier erleben durfte.

Du hast das „Bigger Picture“ angesprochen und dass es hilft, Menschen kennenzulernen und in solchen Teams zu arbeiten. Die Rolle als Teammitglied kennst Du in sportlicher Hinsicht bereits seit Ewigkeiten, aus der Arbeitswelt kanntest Du diese noch nicht. In basketballerischer Hinsicht warst Du jahrelang Führungsspieler, hier dann der Rookie. Was nimmst Du für Dich mit?

Das ist eine schwere Frage! Ein Team im Sport ist sicherlich anders als ein Team im Beruf, aber ich denke, dass es sehr viele Ähnlichkeiten gibt. Das Zusammenwirken von jedem Einzelnen trägt zu etwas Größerem, zum Erfolg aller Beteiligten bei – egal wie groß, klein, wichtig oder unwichtig die eigene Arbeit erscheint. Jede Komponente ist zum Erreichen des Ziels wichtig.

Hat sich dieses Bild für Dich verdeutlicht? Oder eher verändert?

Es war mir schon irgendwie klar, denn es ist ja nur logisch. Andererseits war und bin ich stolz, dass ich als super kleiner Teil dazu beitragen konnte, dass Ebner Stolz vorankommt; auch wenn es vielleicht manchmal nur eine Hilfstätigkeit im Rahmen der Digitalisierung war.

Hast Du Takeaways Deiner Kollegen, gerade aus dieser besonderen Krisensituation, mitgenommen? Irgendwelche Ratschläge?

Aktiv einen Rat mitgegeben eher nicht, das wäre auch eher komisch gewesen. Es ging eher um viele Gespräche und einen dauerhaften Austausch, nicht nur beruflich, sondern auch menschlich. Es war großartig, die Menschen kennenzulernen, unsere persönlichen Geschichten und unsere Erfahrungen auszutauschen. Auf eine Sache fokussieren könnte ich mich aber nicht.

Vor circa einem Jahr bist Du erstmals von Marbach nach Boston gezogen. Dies machst Du nun Ende August, Anfang September erneut. Nun kehrst Du wieder an Deinen Wohnort zurück. Was hat das zurückliegende Jahr in all seiner Besonderheit mit Dir gemacht?

Ganz, ganz viel! Das letzte Jahr hat mich in gewisser Weise sehr verändert und geprägt. Ich kann jedem jungen Menschen nur empfehlen, dass man mindestens ein Jahr von daheim weggeht, allein wohnt, verreist und auf sich selbst gestellt ist. Das formt den Charakter und man lernt sich selbst so unfassbar gut kennen. Das ist kein Vergleich zum Leben daheim. Für mich persönlich: Ich habe mich besser kennengelernt, meine Interessen außerhalb des Basketballs teilweise neu entdeckt und vertieft. Mittlerweile interessiere mich für Kunst, Mode und Design. Bis vor einem Jahr lag mein Fokus eigentlich immer auf Basketball. Diese Entwicklung hätte ich mir vor einem Jahr niemals erträumt. Zudem bin ich deutlich weltoffener geworden, versuche die Dinge auch aus anderen Blickwinkeln zu verstehen. Vermutlich bin ich erwachsener geworden – sowohl in meinem Denken als auch meiner Sprache. Entsprechend denke ich schon, dass ich mich sehr verändert habe.

Mit „qtastico“ stellst Du auf Instagram durchaus zur Schau, wie Du Dich verändert hast. Jetzt hast Du gesagt, dass ein Jahr im Ausland empfehlenswert ist – machst es aber noch drei. Es kommt also noch etwas auf Dich zu. Du hast viel im vergangenen Jahr erlebt und Dich in persönlicher, akademischer, beruflicher und sportlicher Hinsicht entwickelt. Mit welcher Erwartung wirst Du in die USA reisen?

Mit Sicherheit erwarte ein weiteres, charakterliches Wachstum, aber auch, dass der Basketball nachzieht, ich besser spiele, mehr Spielzeit bekomme, mehr Erfolg habe. Selbstverständlich werde ich nicht im nächsten Jahr der beste Spieler der Liga sein – aber ich möchte mich Schritt für Schritt weiterentwickeln und meine Fortschritte auch sehen. Zudem möchte ich mich weiterhin bilden, schulisch und menschlich, einfach meinen Horizont erweitern.

Die Erweiterung des Horizonts einerseits, gepaart mit dem Blick in die Heimat andererseits: Du kamst als BBA-Alumni wieder ins schwäbische Herz der Familie zurück, wirst dies auch in Zukunft machen. Wie waren die fünf Monate in Deiner Heimat? Welche Erinnerungen wirst Du mit nach Boston nehmen?

Am Anfang habe ich mich sehr gefreut, es war ein sehr interessantes Gefühl nach einer solch langen Zeit wieder nach Hause zurückzukehren. Alles hat sich sehr fremd und neu angefühlt, war es letztlich natürlich aber gar nicht. Ich habe mich sehr gefreut alle Menschen wieder zu sehen, jeden einzelnen Ort wiederzusehen – von der Rundsporthalle bis zum Supermarkt in Marbach: Es war immer ein Highlight. Auch der Alltag mit der Familie war super, ich war schließlich eine Weile weg. Ebenso die Jungs und Coaches in der Halle zu sehen, ihnen T-Shirts von der Northeastern University mitzubringen und über zahlreiche Dinge zu sprechen, war großartig. Das Praktikum bei Ebner Stolz hat die Zeit hier zu einer sehr runden Sache gemacht.

Die Jungs, mit denen Du viele Monate und Jahre verbracht hast, setzen nun ihren Weg in Deutschland fort. Du reist wieder ab, um Deinen individuellen und speziellen Weg fortzusetzen. Wie fühlt es sich an, als Einziger diesen Weg zu bestreiten?

Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Nicht jeder Weg passt schließlich zu jedem Menschen. Es fühlt sich großartig an auf dem College zu sein und seinen eigenen Weg zu gehen, Fortschritte zu machen. Ich würde aber nicht sagen, dass dieser Weg besser oder schlechter ist. Beispielsweise bin ich super stolz auf Luki [Herzog], dass er sein Ding macht und seinen Weg Jahr für Jahre über die Etablierung in der 1. Regionalliga und im Profi-Kader geht. Kein Weg ist besser oder schlechter als ein anderer. Er muss einfach zu dir selbst passen.

Quirin Emanga Noupoue wird Ende August/Anfang September in die Vereinigten Staaten zurückkehren und sein Studium an der Northeastern University vor Ort fortsetzen. Ab Herbst möchte der Guard, so es die Pandemie-Bestimmungen zulassen, wieder für die „Huskies“ seiner Universität auflaufen. Aktuelle Informationen über den Spielbetrieb in der NCAA gibt’s auf den einschlägigen Websites – oder auf dem persönlichen Instagram-Kanal von Emanga Noupoue.

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